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Wasserkunst im Spätbarock
Ohne Wasser erschien den Menschen schon der Urgarten Eden unvorstellbar. Für barocke Herrscher galt es als eine Frage der Ehre, das bedeutungsschwere Lebenselement spektakulär zu beherrschen und zur Geltung zu bringen. Im Schwetzinger Schlossgarten lässt sich eine Fülle von allegorischen Variationen des Themas bewundern.


Wasserkunst im Spätbarock

 

Spiegelbilder für das Universum, kraftvolle Fontänen, göttliche Muskelmänner und laszive Nymphen, Bäder für Menschen und Vögel sowie sprudelnde Überraschungen an versteckten Plätzen – all diese kunstvoll verklausulierten Ehrungen des Urelements Wasser als Quelle allen Lebens wetteifern in den Parterres und Bosketten in Schwetzingen um die Aufmerksamkeit der zahlreichen Besucher. Der Lieblingsschlossgarten des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz (1724 bis 1799) liest sich wie ein historisches Musterbuch der Wasserkunst im Grünen vom »französischen« bis zum »englischen« Gestaltungsstil.

Wasserwerke als Denkmäler
In jenen vorindustriellen Zeiten schätzten Besucher in Schwetzingen schon die meisterhafte Gartengestaltung mit ihren Broderieparterres, den wie Stickereimuster aussehenden Beeten im kreisrunden Zentrum der Anlage hinter dem Schloss, oder dem tempelgekrönten Belvedere. Als mindestens ebenbürtige Leistung galt neben der Bewässerung der Beete auch die Kunst, das nach unten strebende Wasser gen Himmel schießen zu lassen und es dabei möglichst noch kunstvoll zu formen.
Kurfürst Carl Theodor war zwar ähnlich wie Louis XIV. nicht mit reichen Quellen gesegnet, aber dafür mit tüchtigen Mitarbeitern: Sein Brunnenmeister Thomas Breuer sowie Nicolas de Pigage (1723 bis 1796), sein »Intendant der Gärten und Wasserkünste«, verlangten von der Natur nichts Unmögliches, sie brachten nur Wunsch und Wirklichkeit ins Gleichgewicht. Wie sie es vor mehr als einem Vierteljahrtausend schafften, die Nymphen zum Sprudeln und die Fontänen zum Hochschießen zu bringen, das ist in Schwetzingen noch heute im gut restaurierten »oberen« und »unteren« Wasserwerk nachvollziehbar. Das Ensemble der Wasserkunst im Schlossgarten gilt als derart exemplarisch, dass die Gartenakademie Baden-Württemberg ihr Symposion »Wasserkunst gestern und heute« vor dieser Kulisse veranstaltete.
Bei solchen Gelegenheiten werden die verborgenen imposanten Technik-Denkmäler auch geöffnet und gründlich begutachtet. Das erste Wasserwerk mit Hochbehälter für den notwendigen Druck wurde bereits 1722 installiert. Seine Leistungsfähigkeit reichte nur für die wenigen Minuten aus, in denen der Herrscher an den Fontänen vorbeiging. Carl Theodor aber schickte 1756 seinen Brunnenmeister bis nach Paris, um dort alle Regeln der zeitgemäßen Wasserkunst gründlich kennen zu lernen.
Zehn Jahre lang konstruierten Breuer und de Pigage allein das obere Wasserwerk. Es geht von zwei Mühlrädern im Leimbach aus, die ihrerseits sieben Druckkolbenpumpen antreiben. Diese saugen Wasser aus Zisternen und befördern es mit einem Hebewerk durch zwei Bleirohre in kupferne Hochbehälter, die auf einer 20 Meter hohen hölzernen Pfeilerkonstruktion stehen. Die hölzernen Kolben wurden noch mit wechselnden Schweinehäuten ausgeschlagen, das Fleisch lagerte im Eiskeller. Das Flusswasser erwies sich als zu dreckig und schlammig für dieses Wunderwerk. Es durfte nur genau jenes Brunnenwasser verwendet werden, das auch an der Tafel des Kurfürsten zum Trinken gereicht wurde.
Noch heute werden die Wasserspiele im Park von den Hochbehältern aus versorgt, nur ersetzen längst elektrische Kreiselpumpen die alten Druckkolben. 1774 folgte das zweite »untere«, kleinere Wasserwerk hinter dem »Römischen Wasserkastell« im neu angelegten Landschaftsgarten.

Rückkehr des »Goldenen Zeitalters«
Heute beeindruckt Besucher eher der Zauber, der von den zahlreichen sinnlichen Statuen, Reliefs und Figurengruppen zu Ehren des Lebenselixiers Wasser ausgeht. All diese Darstellungen fügen sich über Spiel und Spaß hinaus zu der in Gartenkunst umgesetzten Botschaft des »guten« Kurfürsten Carl Theodor von der »Rückkehr des Goldenen Zeitalters« in seinem Reich zusammen. Gemeint war das Zeitalter des antiken Gottes Apollo, des ebenso jungen wie schönen Gottes des Lichtes und der Erleuchtung. Später wurde dieser musisch, medizinisch und politisch begabte Held mit dem Sonnengott Helios gleichgesetzt, so wie sein »Goldenes Zeitalter « als Synonym für universellen Frieden und Harmonie unter den Menschen galt. Es leuchtet ein, dass diese Lichtgestalt von diversen feudalen Herrschern – von Louis XIV. bis eben zu dem Schwetzinger Carl Theodor – zu ihrem mythologisch erhöhten Ebenbild erkoren wurde.
Nicolas de Pigage platzierte eine Apollo-Statue als Hinweis auf seine pfälzische Reinkarnation und Carl Theodors Verdienste um die Verbesserung der Welt markant unter der goldenen Tempelkuppel auf dem Belvedere – im Kreise güldener Sonnen und als Blickfang für das Naturtheater. Unter dem Apollotempel legte Pigage eine ausgedehnte Grottenanlage aus Tuffstein an. Gemeint war dieses modische Attribut als Symbol für die »Unterwelt«, aus deren wirrer Finsternis heraus der Mensch höchst mühsam zum Licht der »goldenen « Herrschaft von Carl Theodor vordringen muss.
Maritim dekorierte und oft mit spritzendem Wasser ausgestattete Grotten waren für einen ordentlichen Barockgarten ebenso unverzichtbar wie wohl geformte und Wasser spendende Nymphen. Schließlich hatte auch Apollo die Nymphe Thetis in einer Grotte geliebt – und jeder brauchte einen Ort für diskrete Rendezvous. Zwei besonders attraktive Wassernymphen halten für den »Najadenbrunnen« zu Füßen Apollos in seinem Rundtempel eine Urne, aus der Wasser über eine Kaskade zum Naturtheater plätschert: ein Sinnbild für die »kreative« Quelle auf dem antiken Berg Helikon, dem Sitz der Musen und des Apollo.Eine andere Apollo-Sage erzählt der Arionsbrunnen in der Mitte des kreisrunden Parterres: Arion war ein gut aussehender, von Apollo sehr geschätzter Sänger, den eines Tages Seeräuber mitsamt seiner Lyra im Meer versenkten. Der entsetzte Apollo schickte sofort einen Delphin vorbei, der – wie hier dargestellt – den heraufgezogenen Sänger mit dessen Lyra sicher auf dem Rücken an Land trug.
Wasser spucken hier sogar die beiden im Netz gefangenen weißen Hirsche am westlichen Abschluss des Kreisparterres – obwohl sie für das Reich der Jagdgöttin Diana stehen. Sie sind ebenso Werke des Hofbildhauers Peter Anton von Verschaffelt wie die beiden Muskelmänner am »Großen Weiher« weiter hinten, die Donau und Rhein verkörpern.
Dieser Große Weiher schließt den Schwetzinger Barockgarten im Osten ab. Einst lagerten hier auch die Gondeln für romantische Touren. Die »natürlich« wirkende Form und die bepflanzten Ufer des ursprünglich streng geometrischen Bassins stammen von Friedrich Ludwig von Sckell (1750 bis 1823), der ab 1777 als »Hof-Lust-Gärtner« in Schwetzingen den englischen Landschaftsgarten im nordwestlichen Park anlegte. Der eher als Schöpfer des Münchner »Englischen Gartens« prominent gewordene Sckell schrieb zur Bedeutung eines Sees in der Landschaftsgestaltung: »Außer ihrem bildlichen Werte in der Landschaft verbreiten diese Wasserspiegel auch Leben und Bewegung in der Nähe. Die Sonne, der Mond, der mit tief ziehenden schwarzen Wolken bedeckte Himmel, die Bäume und Gesträuche, die die Ufer überhängen … malen sich jeden Tag anders in den Fluthen«.
Das Element Wasser selbst ist in Gestalt des Meeresgott Neptun gemeinsam mit den anderen drei Elementen hinter den Hirschen platziert – der Gott lehnt sich mit seinem Dreizack an einen Fisch. Die Meerjungfrau Galathea steigt als besonders anziehender Blickfang der Diagonalachse im Kreisparterre aus Marmorfluten, umworben von einem lüsternen Fischmann. Er versucht vergeblich, der Schönen eine Kette aus Muscheln und Perlen zu schenken.

Carl Theodors barocke Badewanne
»Intendant« Nicolas de Pigage war 1749 nach vielseitigen Studien aus seiner Heimatstadt Lunéville zum Kurfürsten Carl Theodor gekommen, um den bereits vorhandenen Anlagen zu neuem Glanz zu verhelfen und sie im Zeitgeist zu ergänzen. Die besondere Raffinesse seiner Wasserspiele steht bereits im Zeichen des Rokoko. Der Vorliebe des Barocks für allegorische Monumente und laszive Szenen aus der Mythologie folgten nun so genannte »Variétés«, originellere Einrichtungen mit unterhaltsamem und überraschendem Charakter.
Typisch für diesen Stil der zweiten Jahrhunderthälfte ist de Pigages Gestaltung des Gartenteils um das »Badhaus« mit der »Wasserglocke«, dem »Wildschweinbrunnen«, den»Wasser speienden Vögeln« und dem »Vogelbad«. Mit der »Wasserglocke« ist ein Brunnen im Heckenkabinett gemeint, auf dem das Wasser so kunstvoll von Messingscheiben modelliert wird, dass es – ebenso zartwandig wie lautlos – der Bewegung zum Trotz wie eine Glasglocke wirkt.

Eiserne und echte Vögel
Typisch für Rokokospielereien im Park ist das »Becken mit den Wasser speienden Vögeln«, die originell mit Tieren aus Eisenblech inszenierte Geschichte einer Solidaritätsbekundung.Von der sicheren Höhe einer Treillage, eines laubenartigen Rankgitters, herunter spucken Vögel auf einen Uhu, der in seinen Klauen einen der ihren gefangen hält. Ursprünglich verstärkten noch echte Vögel in den Volieren die Wirkung der Szene. Dahinter führt eine Grotte ans »Ende der Welt«, zum optisch vorgetäuschten Trompe-l’OEeil-Ausblick auf eine Rheinlandschaft. Echte Vögel planschen heute in dem »Geschlängelten Vogelbad« mit Wasser spritzenden Putten zwischen Bosketten.
Das »Badhaus« gilt als wertvollstes Architekturstück im Schlossgarten. Nicolas de Pigage schuf dieses an Palladio- Villen erinnernde Lusthaus als Refugium für den Kurfürsten, der nicht nur badete – sehr unüblich im parfümierten Rokoko! –, sondern auch ungestört plaudern, musizieren oder arbeiten konnte. Auf die Verwendung als Badhaus verweisen schon außen zahlreiche Dekorationselemente, beispielsweise Flussnymphen. Das eigentliche Badezimmer in der Nordwestecke des Hauses begeistert auch heute noch mit seiner ovalen Riesenwanne aus dunklem Marmor, die sich vor den Stuckvorhängen zwischen bärtigen Fischen besonders elegant ausmacht. Die Wasserleitungen winden sich in Form von Schlangen um den Beckenrand. Das warme Nass kam über unterirdische Leitungen aus den Reservoirs der Badhausküche nebenan. Das Ganze sollte mit Tropfsteinreliefs, Muscheln, Korallen und Quellnymphen- Reliefs sowie plantschenden Putten an eine Grotte erinnern.

Wasser im Landschaftspark
Weiter präsent blieb das Wasser mit seinen Symbolen selbst im kontrastreich und naturnah gestalteten Landschaftspark von Friedrich Ludwig von Sckell. Hier nun kamen das neu erwachte Interesse an der Natur und ihren Gesetzlichkeiten, das Humanitätsideal der Toleranz und die Leistungen des Herrschers auf dem Gebiet der Landkultivierung zum Ausdruck. Das »römische Wasserkastell« entsprach der Ruinenmode der Aufklärungszeit. Es soll zugleich an das »goldene« Arkadien und an die Vergänglichkeit des Menschenwerkes erinnern. Das Wasser selbst in den drei Aquädukten wurde als Symbol für die unvergängliche Natur eingesetzt. Daher schauen auch hier eine auf antik getrimmte Quellnymphe und ein Flussgott gelassen von Reliefs aus dem Treiben im Park zu.

 

aus: GartenEden Magazin

 

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Fakten

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68723 Schwetzingen,

Schlosskasse und Sonderführungen:
Tel. 0 62 02-12 88 28,
info@schwetzingen.de
www.schwetzingen.de
www.schloesser-und-gaerten.de

Öffnungszeiten des Schlossgartens:
April bis September von
8 bis 20 Uhr, im März und
Oktober von 9 bis 18 Uhr,
November bis Februar von 9 bis 17 Uhr.

Schwetzinger Festspiele:
bis zum 7. Juni 2005 im Rokoko- Hoftheater,
www.schwetzinger-festspiele.de

Anfahrt:
über die A5 oder A6 südlich von Mannheim

Literatur zum Thema:
Wilfried Hansmann, Florian Monheim:
Barocke Gartenparadiese.

Meisterleistungen der Gartenarchitektur.
DuMont Reise Verlag,
Köln 1996,
25,50 Euro

Oswald Zenkner.
Schlossgartenführer Schwetzingen,
1987,
12,00 Euro

Dietrich Rentsch:
Schloss und Garten Schwetzingen.
Amtlicher Führer. C.F. Müller,
Heidelberg 1987,
3,00 Euro

Gartenakademie Baden-Würtemberg e.V.:
Diebsweg 2,
69123 Heidelberg,
Tel. 0 62 21-79 98 15,
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www.gartenakademie.info