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Der „Burn-Out“ ist das Kollektiv-Krankheitsbild unserer Zeit. Immer mehr Hotelliers und Reiseanbieter reagieren deshalb mit speziellen Therapieangeboten. Aber Vorsicht! Das Motto „viel hilft viel“ kann genau zum Gegenteil des gewünschten Ergebnisses führen.
| Vom Stress der Entspannung | |||
Von Christina Hollstein
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Unablässig trommelt und klopft es gegen meinen Kopf, warmes, fremdartig riechendes Öl rinnt über meine Stirn und die Schultern. Gerade noch plätscherte leise Tempelmusik aus den Boxen in den Zimmerecken. Jetzt jedoch, nach einigen Sprüngen, Kratzern und Wiederholungen, ist sie endgültig verstummt. Das Licht, das als ein Kerzenflackern viel stimmungsvoller wäre, flutet mir erbarmungslos aus hellen Glühbirnen ins Gesicht. Und das Merkwürdigste: Ich kenne den Mann gar nicht, der mir hier gerade so nah auf die nackte Haut rückt. „Ist das jetzt Muße?“, frage ich mich und stelle fest, dass das wohl kaum sein kann. Zumindest nicht, solange sich meine Gedanken weiterhin so schnell um all das drehen, was hier passiert. Dabei strenge ich mich wirklich an, im „Hier und Jetzt“ verloren zu gehen. Und nun: Innere Ruhe Fehlanzeige. Sicher, noch bin ich weit enfernt von einem sogenannten „Burn Out“. Sogar Dr. B. R. Ramakrishna, der hier gerade versucht, mich in andere Sphären zu massieren, attestiert mir eine außergewöhnliche Balance meiner ayurvedischen Charakter-Elemente. Drei Millionen andere Deutsche jedoch kennen bereits diesen gefühlsleeren Zustand eines plötzlichen Ausgebrannt-Seins. Und eine weit größere Zahl steht, laut Experten, kurz davor, benötigt dringend mal eine Auszeit. Eine Pause von diesem ewigen Gefühl des Gejagt-Seins, das unser Leben in der modernen Leistungsgesellschaft mehr und mehr mit sich bringt. Nur: Wann findet man heute überhaupt noch Zeit für echte Muße-Momente? In der Mittagspause? Am Feierabend? Am Wochenende? Keine Chance. Diese Stunden sind reserviert für wichtige Erledigungen, für Freunde, Familie oder den Partner. Denn: Auch soziale Bindungen bedeuten Arbeit und Pflege. Natürlich dürfen Sport und kulturelle Interessen ebenfalls nicht zu kurz kommen. Die Alltags-Freizeit ist also die Zeit, in der alle Bedürfnisse, die neben der Karriere existieren, befriedigt werden wollen. Für wahre Muße, also die Aneinanderreihung zwangfreier Ich-Momente, bleibt da kaum Luft.
„Abschalten“ wörtlich nehmen Wer diese Augenblicke trotzdem erleben möchte, muss aus dem Alltag ausbrechen, die Wohnung, inklusive drängelnder Haushalts- und Heimwerksarbeit hinter sich lassen. Er sollte den Mut besitzen, sich dem Umfeld physisch zu entziehen – und was für viele das Schwierigste ist: Das Handy ausschalten. Das bestätigten auch Prof. Peter Wippermann und Prof. Dr. Norbert Bolz, zwei renommierte Soziologen, Trendforscher und Kommunikationstheoretiker. „Flow Control“ sei das Thema unserer Zeit, sagten sie auf der 15. „Trendtag-Konferenz“ in Hamburg. Das bewusste Kontrollieren der eigenen permanenten Reizüberflutung durch Datenlärm und Handygebimmel gehöre zukünftig zu unseren größten Herausforderungen. „Abschalten“ meinen die beiden Zukunfts-Experten also sogar wörtlich. Eigentlich logisch, dass nur der Urlaub der perfekte Zeitraum zur Verwirklichung dieser Sehnsüchte sein kann. Und das erkennen neben einigen Reiseanbietern auch immer mehr Gastronomen und Hoteliers. SKR-Reisen zum Beispiel hat sich bereits auf derartigen „Urlaub mit Sinn“ spezialisiert. Besonders beliebte Angebote des Internetanbieters: Auszeiten im Kloster. Ob im römischen Klosterhotel inklusive touristischer Führungen, auf Lesbos im „Klösterchen“samt Yoga am Strand, oder einer Ruhe-Reise in die Bergwelt des Sinai zuzüglich beduinischer Gastgeber – SKR lässt keine Wünsche offen. Jedoch: Auch eine weite Anreise und feste Programme müssen in Kauf genommen werden – neue Stressanknüpfungspunkte. Besinnung geht aber, was paradox klingt, auch ruhiger. In Deutschland kann man zum Beispiel in den Benediktinerabteien Ottobeuren und Niederaltaich im historischen Ambiente „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ erlernen, oder in Erfurt, Weimar, dem Schwarzwald und sogar Unkel am Rhein sanft angeleitet zurück zur Stille finden.
Wellness kann Stress potenzieren Ich hingegen wollte keinen Reiseanbieter als Mittelsmann zwischen mir und meinem seelischen Gleichgewicht engagieren, sondern plante höchstpersönlich meinen dramatischen Perspektivenwechsel. Und was liegt da für einen kühlen Fischkopp mit alltäglichem Weite-Horizonte-Panorama näher, als seinen Blickwinkel von der Horizontalen in die Vertikale zu verlagern: Gegen himmelhohe Bergesspitzen. Von der rauschenden Ostsee in die Stille der Alpen sollte die Reise gehen. Österreich scheint inzwischen auf Wohlfühl-Touristen spezialisiert zu sein. Und wenn dieses kleine traditionsbewusste Alpenland außerdem eines ist, dann bereit zu multi-kulturellen Experimenten, obwohl dieja laut Politik angeblich zum scheitern verurteilt seien. „Eine Ayurveda-Behandlung ist ideal um ... sich vom Alltagsstress zu befreien ... um loszulassen und mit allen Sinnen zu genießen“, stand in dem Prospekt, der für die einmal im Jahr angebotene Ayurveda-Woche im Pinzgau warb. Nun liege ich hier und kann den Alltagsstress, trotz aller guten Vorsätze, nicht loslassen. Tröstend ist nur: Ich bin mit meinen hohen Ansprüchen nicht allein. Laut einer Studie des Statistik-Erfassers „Typologie der Wünsche“ erhoffen sich 83 Prozent aller Wellness-Nutzer, durch derartige Behandlungen Stress abzubauen. „Ayurveda hat zwar viel mit Genuss, aber wenig mit Belastungsmanagement zu tun“, wird mir dagegen später Stress-Therapeut und Gesundheitsmanager Ulrich J. Winter erklären. Von Reiseanbietern willkürlich zusammen gestellte Programme können die persönliche Disbalance sogar noch potenzieren, glaubt der Arzt für Kardiologie und Angiologie. Warum? „Diese Programme müssen individuell auf den Belastungstyp abgestimmt sein“, so Winter weiter. Was nicht bedeute, dass man die von Hotels angebotenen Massagen und Behandlungen, Trainings und Coachings gar nicht in Anspruch nehmen darf. Wichtig sei nur, dass Stressgeplagte vorher mit einem Experten darüber beraten, welche Anwendungen wirklich gut für sie sind.
Freier Kopf ganz ohne Klopfen Und noch etwas müssen Balance-Sehnsüchtige beachten: Die Gleichung mehr Wellness, mehr Fitness, mehr Massagen = mehr Entspannung, mehr Erholung, mehr Ausgeglichenheit geht in den meisten Fällen nicht auf, leider. Das Motto „viel bringt viel“ besitzt hier wenig Gültigkeit. Denn: Wer im Urlaub von Entspannungstermin zu Entspannungstermin hetzt, hat am Ende sein Ziel verfehlt. Enttäuscht und mit fettigem Öl-Haar husche ich vom Ayurveda-Saal zurück ins Hotelzimmer. Ich sinke auf die mit vielen kleinen und großen Orient-Kissen dekorierte Coach, zünde ein paar bereit gestellte Kerzen an und bewundere die wirklich einzigartige Atmosphäre dieser Purpur-Suite. Die Vorhänge, die Wände, die Polster – alles hier passt zum Farbthema. Mein Blick wandert weiter über kunstvolle Holzelemente, die in einem alten Bauernhaus demontiert und hier mit modernen Stein und Glaselementen kombiniert wurden – eine gelungene, wahnsinnig interessante Mischung. Vor dem Fenster wird es schummrig, die wolkenverhangenen Berge verschwinden nach und nach in der Dämmerung. Ich genieße und starre herrlich allein in die anbrechende Nacht. Und plötzlich, ohne es zu merken, ist der Alltag weit weg. Mein Kopf ist frei. Ganz ohne Trommeln und Klopfen. Wunderbar.
Fotos: pixelio.de – Oliver Haja, Palmera, Rainer STurm, Gerd Altmann |
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