Mwynhewch eich bwyd! – Ein Volk isst so skurril, wie es spricht. Die Waliser kämpfen gegen kulinarische Klischees. Und beweisen: Walisische Küche funktioniert zwar ohne Fish & Chips – aber nie ohne Fett.
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Von Christina Hollstein
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"Das ist ja sooo gruselig“, empört legt Angela Gray beide Handflächen auf die Lippen. „Ich meine, wir haben es hier mit einer ganzen Generation zu tun, die nicht kochen kann“. In typisch britischer Melodie, dieser Mischung aus inszenierter Entrüstung und trocken-humorigen Pointen, berichtet die TV-Köchin aus ihrem Berufsalltag. Und von Erwachsenen, die dem vorgelegten Gemüse keine Namen mehr geben können – geschweige denn wissen, was sie mit dem Grünzeug in der Küche überhaupt anfangen sollen. Mangold oder Spinat, Zucchini oder Gurke? Keine Ahnung.
Das vereinigte Königreich und Speisen auf hohem Niveau – zwei Dinge, die sich in den Köpfen vieler Gourmets, gelinde gesagt: gegenseitig ausschließen. Denn: Fettige Fish & Chips, pappige Mayonnaise- Sandwiches oder plumpe Bread & Butter-Puddings haben den Ruf, nicht nur sehr kalorienhaltig, sondern auch schlecht gewürzt, ja, frei von Geschmack zu sein. Ebenso gilt Feinköstlern das Servieren von Ketchup aus Plastikflaschen oder matschigem Erbsenmuß zu quasi jedem Gericht schier als barbarisch. Doch wie schrieb schon der britische Schriftsteller Oscar Wilde: „Reisen veredelt wunderbar den Geist und räumt mit all unseren Vorurteilen auf.“ Oder anders gesagt: Trotz aller üblen Nachrede ernähren sich die Deutschen auch nicht nur von Eisbein und Sauerkraut – weshalb auch die Küche des Königreichs eine genauere Betrachtung verdient. Also reisten wir in Grays Heimat: Wales. Denn: Schon aus historischer Tradition sind die Waliser ein dem britischem Ideal trotzendes Völkchen. Und auch kulinarisch wollen sie nicht länger mit den Engländern in ein und den selben Gebackene-Bohnen-Topf geworfen werden. Ausgetragen wird dieser Kampf der Geschmäcker jedoch mit friedlichen Waffen: Köpfchen, Geschmack und den ursprünglichsten Ressourcen der walisischen Natur.
Saftige grüne Wiesen umgeben Fonmon Castle, ein mittelalterliches Kastell, das im Süden Wales, genauer im Vale of Glamorgan, vor sich hin träumt. Versteckt hinter grauen Schlossmauern erspürte die kulinarische Entdeckerin Gray hier wundervolle Rabatten und Beete, Sträucher und Bäume, Gewächshäuser und Kletterwände. Allesamt nahezu explodierend vor Obst und Gemüse: Rote und goldene Himbeeren, leuchtend orangefarbene Kürbisse, prachtvolle Blumenkohl- und Romanesko-Köpfe, grüner Salat, lange Zucchini, würzige Kräuter, pralle Auberginen und vergessene Kartoffelsorten. „Der September ist der schönste Monat im Jahr“, schwärmt die kräftige Blondine, während sie mituns im Garten Gemüse erntet, „dann sind die meisten Früchte reif “. Seit einigen Jahren schon bringt die zweifache Mutter ihren Landsmännern in Kochbüchern und einer eigenen Show beim Radio- und Fernsehsender BBC die Raffinessen der walisischen Küche bei. Und: Sie ist die Leiterin zahlreicher Themen-Kochkurse an ursprünglichen Orten wie diesem. In der Schlossküche verrät sie Tricks und Kniffe rund ums Gemüse und leistet vor allem eines: jede Menge Aufklärungsarbeit. Was so zu Stande kommt, ist eine saisonale und regionale Küche mit Piff. Eine Idee, die nicht unbedingt neu ist. Denn: Europaweit findet die gehobene, ursprüngliche Küche immer mehr Anhänger. Ob Sternekoch Harald Rüssel in Deutschland oder „Best Restaurants in the World“ Chef René Redzepi in Copenhagen – immer mehr Köche besinnen sich auf die Traditionskost der eigenen Heimat. Auch innerhalb des kleinen Kelten-Landes soll es noch weitere Wiederentdecker der walisischen Ursprungsküche geben. Klar, dass wir sie kennen lernen wollen.
Terence Hill, der Käse-Fabrikant Außerhalb des städtischen Trubels der Hauptstadt von Wales – Cardiff – leben, zwischen hobbitartigen Hügeln, die „Valleyboys“. So zumindest lautet derböse Spitzname, den die großschnäuzigen Hauptstädter den männlichen Bewohnern der Täler gegeben haben. In den „Valleys“, so witzeln die Cardiffer, habe Jahrhunderte lang Inzucht geherrscht – weil keine Familie je aus der eigenen Senke herausgekommen sei. Gemein, doch wie gesagt: Kein Vorurteil ist unanfechtbar. Fest steht nämlich, dass diese Täler rund um Cardiff weltbekannte Persönlichkeiten hervorgebracht haben. Zum Beispiel: Bonnie Tyler, Catherine Zeta-Jones, Terence Hill. Terence Hill? Richtig gehört. Blaenafon heißt das kleine Städtchen, in dem er im familieneigenen Fabrikladen Cheddar verkauft, den für diese Region typischen Käse. Natürlich ist dieser Hill nicht der berühmte Bruder Bud Spencers, sondern ein 21-Jähriger, dessen Mutter offenbar nicht nur einen Faible für extravagante Namen besitzt, sondern bereits für den zweitbesten Käse Englands prämiert wurde. Der Preisträger ist gleichzeitig die Spezialität der „The Blaenafon Cheddar company“: Der Blaenafon Pwll Mawr, ein durch den milden Geschmack des typisch walisischen Pendereyn Whiskeys und einem Hauch Ingwer verfeinerter Weichkäse. Die vierzig Quadratmeter Einraum-Fabrik beliefert Restaurants und Feinkostläden in ganz England – und es werden auch in Europa immer mehr.
Doctor Doolittle und der Welsh Wine Ein bisschen wie Riesenschnauzer sehen sie aus, die Welsh Blacks. Nur dass eseben Rinder sind, keine Hunde. Kühe im schwarzen Wuschelmantel gewissermaßen. „Wir züchten reinrassig und streng biologisch“, sagt Ian Symonds, den wir als nächstes besuchen und auf dessen hügeligen Wiesen diese Fellberge behäbig grasen. Das Geschäft mit der kuscheligen Spezialität lohnt sich: 25 bis 35 Euro pro Kilo kann Symonds für sein Fleisch verlangen. Und das sollte er auch, bei dem unrentablen Geschäftszweig, den er außerdem betreibt: Weinanbau. Denn dieses Vorhaben – wer würde das in dieser Region vermuten – rentiert sich bisher überhaupt nicht. Auf 130 Morgen Land baut er hier die Reben für seine Cuvée an: Orion, Phoenix, Reichensteiner und Kernling – eine gewagte internationale Mischung. „Es ist nicht mehr als ein verrückter Spaß“, lacht Symonds, der in der britischen Presse schon als „Doctor Doolittle“ beschrieben wurde, sich selbst aber lieber als eine jüngere Clint Eastwood Version sieht. Trotzdem: Für viele andere würde sein verrückter Spaß zum nervlichen Drahtseilakt werden, denn nicht nur das unbeständige Inselklima, sondern auch hungrige Vogelschwärme vermasseln ihm regelmäßig die Ernte. Der ehemalige Unternehmer im Ruhestand jedoch, ganz Doolittle und Naturfreund, bringt es nicht übers Herz, Schreckschussanlagen oder Ähnliches zum Einsatz zu bringen. Und so produziert er im Jahr höchstens 4000 Flaschen Weißwein. Allein achthundert davon hält er für den Eigengebrauch zurück. Der übriggebliebene Rebsaft ist bei den Restaurants heiß begehrt: Echter „Welsh Wine“ ist eine Rarität. Und mit seinem ungewöhnlichen Geschmack nach jungem Apfel- Cider sicher auch eine Kuriosität.
Good to be an english, georgeous to be a welsh „Good to be an english, georgeous to be a welsh“, lautet ein Schriftzug auf den roten T-Shirts im Souvenir Shop – und steht stellvertretend für den Nationalcharakter der Waliser. Eine Reise nach Wales veredelt nicht nur den Geist, sondern führt vor allem zu einer Erkenntnis: Die Waliser sind stolz auf ihre Traditionen und Eigenheiten. Auch auf die kulinarischen. Industrielles Pappbrot und Schwabbelkäse? Nicht im Land der Schafe. Zumindest nicht überall. Ob man die leckere Lauch-Spinat- Käse-Sahne-Sauce auch in einer fettreduzierten Variante zubereiten könne, fragt eine besorgte Gastköchin im Gray- Kochkurs. „Fettarm?“, Grays Gesicht verzerrt sich wieder zu dieser Mischung aus Empörung und Mitleid. „Aber Schätzchen“, sagt sie mütterlich, „ohne Fett kann man doch gar nicht kochen!“. An Klischees ist eben doch manchmal auch etwas Wahres dran.
Fotos: Axel Roll, Visit Wales, Christina Hollstein |
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